dieser weblog sollte familie, freunde & co. auf dem laufenden halten über meine tage in china, taiwan und singapur(die einträge sind im archiv zu finden...), jetzt gibt es ab und an mal ein paar bilder...

7. August 2003

.:MarokkoSpanienPortugal :: Die etwas andere Abifahrt:.

Die letzten Abiturklausuren waren geschrieben, und bevor uns ueberhaupt bewusst wurde, dass 13 Jahre Schule endgültig vorbei waren standen wir schon am Bremer Bahnhof. Der Zeitpunkt: der 20 Mai, früh morgens , unsere Austattung: zwei vollgeladene Rucksaecke und den Elan dass wir endlich frei waren zu tun was wir wollten. Nun sollte ein wahres Abenteuer starten – ueber einen Monat lang kreuz und quer mit Bahn, Schiff, Bus, Auto und natuerlich zu Fuss durch die weiten Spaniens, Portugals und Marokkos.

Nachdem der Flieger uns in Barcelona abgesetzt hatte und wir ein paar Tage in aller Ruhe die wunderbare Mittelmeerstadt Barcelona auf uns einwirken ließen und uns von den Abi-Klausuren erholt hatten, ging es dann relativ spontan mit dem Nachtzug direkt nach Cordoba. Mit unserem Interrail-Ticket konnten wir nun 22 Tage lang ohne Begrenzung auf den Schienennetze Spaniens, Portugals und Marokkos kreuz und quer fahren.

An unserem ersten Ziel Cordoba angekommen, stiefelten wir am frühen Morgen durch die Innenstadt, wo es nur so von stark angetrunkenen Andalusiern wimmelte. Der Hintergrund: die erste nacht der der heftigen Fiesta war gerade vorbei. Wir schauten uns die Sehenswürdigkeiten an und verliessen die Stadt wieder bevor die Touristen die kleinen Gassen verstopften. Um unseren Zeitplan einzuhalten entschlossen wir uns noch an dem selben Tag mit der Fähre nach Marokko ueberzusetzten.

Als wir nach stundenlanger Fahrt durch die wunderschöne Landschaft von Andalusien in Algeciras ankamen, nahmen wir die letzte Fähre an diesem Tag. Der Anblick wie die Sonne ueber der Meerenge unterging und Gibraltar sich immer weiter entfernte liess uns die Zeitverschiebung vergessen. Als wir in Marokko ankamen war es finstere Nacht. Da es nicht gerade unser grösster Traum war, bei Nacht die gefaehrlichste der marokkanischen Staedte (eine der wenigen vor denen man sich ueberhapt in Acht nehmen muss) zu Fuss zu erkundurch und den Bahnhof zu suchen, waren wir froh eine Mitfahrgelegenheit gefunden zu haben. Die Subjekte: ein Norweger und seine madrileñische Freundin, das Ziel: Asilah, wie sich am Naechsten Morgen herausstellen sollte, eine wunderschoene kleine Küstenstadt.

Doch so schnell sollten wir dort nicht ankommen, denn nach dem ewigen Hin und Her mit dem Paessen, Versicherungsbelegen und sonstigen rationalgesehen irrelevanten Dokumenten am Zoll, ging der Spass erst richtig los. Es stellt sich heraus das die junge Dame nicht gerade die beste Autofahrerin war und dazu anscheinend noch gewisse Paris-Dakar-Abbitionen hatte. So ging es auf unbeleuchteten, engen, mit Kratern übersehenden Strassen mit einer Affengeschwindigkeit durch Nordafrika. Spät nach Mitternacht suchten wir uns dann ein Hotel, wo wir noch kurz schlafen könnten bevor uns die Handwerker im Nebenzimmer weckten.

Am naechsten Morgen wurde uns unser erster gravierender Fehler bewusst: Es war Sonntag, die Banken hatten natuerlich geschlossen und ohne Dirham (marok. Geld) in der Tasche konnten wir schlecht den Schaffner den faelligen Zuschlag für den Zug zahlen. Zum Glück schmiss uns der Schaffner nicht gleich aus dem Zug sondern liess uns Zeit den ersten Freundlichen Marokaner kennenzulernen welcher und unsere Euros in Dirham wechseln konnte. Da wir nun soviel Geld hatten entschlossen wir uns nach Meknes zu fahren, im mittleren Norden des Landes. Dort angekommen holten wir uns erst mal etwas wohlverdientes Essbares: unsere ersten Keftas (lekere fleischgefuellte Brottaschen). Dazu goennten wir uns noch den Sonnenuntergang ueber der Medina (die mittelalterliche Innenstadt der marokkanischen Staedte). Nach diesen wunderschönen Impressionen der Stadt trabten wir wieder zum Bahnhof und nahmen den Nachtzug in den tiefen Sueden: Marrakesh sollte das Ziel sein.

Hier war es am naechsten Morgen dermaßen kalt, dass unsere Zähne klapperten. Im laufe des Tages, als wir zwischen Schlangenbeschwörern und Affen über den Marktplatz schlenderten kletterten die Temperaturen jedoch schnell über die 40 Grad Grenze. Marrakesh ist definitiv die afrikanischste der marrokanischen Staedte, mit seiner blutrot-farbenen Medina und dem unvergleichbaren chaotischen Ambiente welches die Stadt praegt. Wohl das Highlight der Stadt ist der Jemaa-El-Fna, der riesige oeffentliche Platz im zentrum der Medina auf dem sich zu jeder Tageszeut etwas anderes abspielt: Von den Haendlern frueh morgens ueber die Akrobaten am Nachmittag und die Geschichtenerzaehler und Essensstaende am Abend.

Nach drei intensiven Tagen Marrakesh ging es dann mit dem Bus durch die Wüste in Richtung Westen: in das Surfmekka Marokkos, Essaouira. Hier genossen wir die ruhige Fischerstädchenatmosphäre, den frischen Fisch und den königlichen Strand.


Von nun an sollte es wieder richtung Norden gehen. Nach gut einem Tag in Bus und Zug kamen wir in der Hauptstadt Rabat an. Rabat ist eine sehr gepflegte und relativ ruhige Stadt. Wahrscheinlich hauptsaechlich wegen des traditionellen internationalen Einflusses. Interessant war auch hier wieder der Vergleich mit den anderen Staedten welche wir in Marokko besucht hatten. Denn obwohl alle natuerlich alle stark durch die arabisch-marrokanische Kultur gebpraegt sind und man viele Sachen, wie die Medinas, Moscheen, Restaurants etc., wiedererkennt unterscheiden sich die Staedte untereinander viel mehr als z.B. deutsch Staedte untereinander. Die Unterschiede gehen von der Farbe der Haeuser ueber das Verhalten der Menschen auf der Strasse bis zu den Essensspetzialitaeten. Da Rabat auch am Ozean liegt beschlossen wir erst einmal ein wenig von den letzen anstrengenden Tagen auszuspannen. Von Hieraus machte Keno einen Tagesausflug in die Oekonomische Hauptstadt des Maghreb-Staates Casablanca, während Till die marokkanische Damenwelt erkundete.

Da die Tage wie im Flug vergingen, konnten Wir an diesem Punkt kaum fassen, dass schon die letzte Etappe in diesem wunderbaren Land anbrechen sollte: Fes. Unsere letzten Tage verbrachten wir in der Stadt mit der weltweit bedeutendsten Medina in welcher man sich noch extremer als in den anderen Staedten wahrhaftig ins Mittelalter zurueckkatapultiert fühlt. Das Erlebnis ist nur schwierig zu beschreiben da es alle Sinne fordert: Man engt sich mit Hundereten von Marokkanern durch enge Gassen, es kommen einem schwerbeldadene Esel entgegen, links Hügel von Gewürzen, rechts Kleiderverkäufer die ihr Angebot verkünden, einen Moment spaeter hoert man den Imam aus dem Minarett zum gebet rufen usw. usw. ... Ein ebenfalls unbschreibbares Erlebnis ist das sog. „hustle’n’bustle“ welches in Fes wohl mit am extremsten ist. Man muss sich schnell eine Taktik ausdenken wie man die lästigen Gauklern möglichst schnell loswird. Sonst koennen sie naemlich stundenlang an einem heften und wollen einen durch die Stadt führen. Zu den Höhepunkten in Fes zählten dazu noch die weltberühmten Färbereien und die Moscheen.

Am nächsten Tag sollte uns dann die Fähre wieder ins gute alte Europa bringen. Nach einer nicht gerade angenehmen Nacht in der hässlichen Hafenstadt Algeciras an der Spitze Spaniens machten wir uns schnell in die grossartigen Stadt Sevilla auf. Hier trabten wir zwei Tage lang durch die Stadt und Schauten uns die vielen Gebäude, u.a. die beruehmte Giralda (Kathedrale) an. Da unsere Interrail-Tage langsam weniger wurden beschlossen wir nach diesem kurzen aufenthalt in Andalusien uns ueber die schreckliche Stadt Huelva (moeglichst umfahren: nichts interessantes/antipathische Einwohner!) schnell nach Portugtal zu bewegen.

Und so waren wir schon am naechsten Morgen an der Algarve. Hier dauerte es eine Weile bis wir einen bequemen Ort zum Baden gefunden hatten. Da uns die Strand-Duenen gefielen beschlossen wir nach einem guten Super-Bock (das lokal-Bier) gleich da zu bleieben. Nach der langen Nacht in Huelva und nachdem wir den ganzen Tag lang rumgelaufen waren waren wir milde ausgedrueckt, etwas uebermuedet.

Doch allzulange sollte es uns hier auch nicht aufzuhalten und langsam wurde uns auch klar was es heisst das Interrail-Ticket zu nutzten, also machten wir uns gen Hauptstadt auf: Lissabon sollte die naechste Etappe sein. Und sie lohnte sich, denn obwohl die Portugiesen auf den ersten Blick etwas mürrisch scheinen und auf jeden Fall introvertierter sind als die Spanier, genossen wir es unheimlich diese interessante Stadt zu erkunden. Die beste Methode dies zu tun ist mit dem „Elektrico“, sprich Starßenbahn, die winzig klein sind und wie verrückt die Hügel hoch und runter fahren dass man sich, ohne zu uebertreiben, festhalten muss um nicht umherzuschleudern.

Nach zwei Nächten in der lokalen Jugendherberge entschieden wir uns in die zweite Hauptstadt auf der ibirischen Halbinsel zu Fahren: natürlich Madrid. Am Lissabonner Bahnhof wurde uns gesagt wir wuerden wohl gerade den Anschlusszug in Badajoz bekommen wenn der Zug keine verspaetung haette. Doch was die nette Dame nicht miteinberechtnet hatte, war dass es eine Stunde Zeitunterschied zwischen den beiden Ländern gibt. Also kamen wir erst spät am Abend an. Und als ob wir wahrend der letzten Wochen noch nicht genug gelaufen waeren, machten wir am nächsten Vormittag wieder zu Fuss auf diese Stadt zu erkunden.

Zwei Tage später sollten wir wieder im guten alten Barcelona sein. Zwar etwas geschafft da wir die letzten drei Wochen so gut wie nur auf Achse gewesen waren doch so von Eindrücken aller Art erfüllt, die diese Abifahrt, davon waren wir sicher, zu einer ganz besonderen gamcht hatte. Auch wenn das „Feiern“ zum Reisen dazugehört waren wir froh den Schwerpunkt beim letzteren und nicht beim ersten gelegt zu haben, wie gewisse Bekannte...

Alles in allem schauen wir einnerseits mit Begeisterung bezueglich der wunderbaren Erfahrungen die wir gesammelt haben auf unsere zwei-Mann-Abi-Fahrt zurueck. Andererseits mit verwunderung. Denn nachdem was wir von Marokko zuvor gehört hatten, hatten wir wirklich mit dem Schlimmsten gerechnet. Das gegenteil war der Fall. Nicht umsonst verbrachten wir hier gut zwei Wochen unserer Zeit. In Diesem Land des Maghreb haben wir die nettesten Leute kennengelernt, die interessantesten Sachen gesehen und keine einzige wirklich schlechte Erfahrung gemacht. Das gleich koennen wir von seinen europaeischen Nachbarn nicht wirklich sagen... Unser Tipp: wenn ihr die etwas andere Abifahrt sucht und keine Vorurteile habt lasst das Interrail-Ticket sein und fahrt direkt nach Marokko, das bahnfahren dort ist angenehm und wirklich billig. Es lebe das Abitur! Es lebe Marokko!

Ein Bericht von Tilman Liebert und Keno Schulte (u.a. veröffentlicht im Elefanten, Ausgabe 2003)